Auf den Spuren eines gefallenen Soldaten des ersten Weltkrieges

Das Wissen um den Menschen Carsten Peter Kelting war schon genauso verblasst, wie der Schriftzug seines Namens auf dem Mahnmal seiner Heimatgemeinde in Goldebek. Im Jahre 2017 jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.

Meine Oma sagte einmal zu mir: „De Vettern vun Opa sind jo fast all fullen“. Da mich dieses Thema schon immer interessierte, habe ich vor einigen Jahren einmal versucht herauszufinden was „fast all“ genau bedeutet.

Mein Ur-Opa Cornelius Jakob Schütt, geboren 1886 in Joldelund und später Bauer in Süderzollhaus, hatte noch neun Geschwister, eines davon ist als Kind gestorben und das letzte war seit der Geburt krank. Letztendlich waren es also acht, die eine Familie gründeten und insgesamt 48 Nachkommen hatten, einer davon war mein Opa Jens Peter Schütt, geboren 1922 und ebenfalls Bauer in Süderzollhaus.

Nach Jahren der Forschung wusste ich nun, dass es neun Vettern waren die in den beiden Weltkriegen ihr junges Leben auf den Schlachtfeldern ließen, zwei im ersten Weltkrieg, beide an der Westfront und sieben im zweiten Weltkrieg, alle an der Ostfront.

Der erste von ihnen war Carsten Peter Kelting, geboren laut Eintragung im Kirchenbuch Joldelund am 29.11.1896 in Joldelund. Über sein Leben ist so gut wie nichts erhalten geblieben, über sein Sterben bzw. seinen Tod schon etwas mehr. Er war das erste Kind der Eheleute Sönke und Ingeburg Katharina Kelting, geb. Schütt. Sechs weitere Geschwister folgten.

Das Ganze fing damit an, dass ich einen Stapel alte Fotos bekommen habe, die von meinen Ur-Ur- Großeltern, Jens Peter Schütt, geboren 1844 in Joldelund, und seiner Frau Cäcilie geb. Petersen stammten. Sie bewirtschafteten einen Hof in Joldelund und später in Stieglund und waren die Großeltern von Carsten Peter Kelting. Auf der Rückseite der Fotos standen leider keine Namen oder sonst etwas, das die Identifizierung einfacher gemacht hätte. Nach erster Sichtung wurden die Fotos archiviert und lange nicht bearbeitet, bis ich eines dieser Bilder (das Portrait eines jungen Soldaten) in der Chronik von Goldebek entdeckte:


Im Kreisarchiv in Husum fand ich in der Bredstedter Zeitung „Friesen Courier“ die Todesanzeige , die seine Eltern mit dem Datum vom 4. August 1917 dort aufgegeben hatten. Dort stand, dass er „kurz nach seinem Heimaturlaub am 24. Juli fürs Vaterland gefallen ist“:


Als nächstes habe ich das Krieger-Ehrenmal, heute auch gerne als Mahnmal betitelt, da sie nachfolgende Generationen ermahnen sollen, in seiner Heimatgemeinde Goldebek aufgesucht. Zu lesen war auf der Rückseite des Erinnerungssteins nicht mehr viel, aber ertasten konnte ich:

Peter Kelting --- Geb. 29.11.1896 Gef. 24.6.1917 --- Moreslede Frankreich


Dort stand nur sein zweiter Name, aber das Geburtsdatum stimmte. Zu Haus angekommen schaute ich gleich einmal beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. im Internet nach, dort sind über 4'700'000 Deutsche gefallene bzw. vermisste Soldaten registriert. In dem Verein bin ich schon seit 1997 zahlendes Mitglied und mir wurde dort bei anderen Suchaufträgen bereits sehr oft geholfen. Ich fand den Namen Kelting 45 mal, aus dem ersten Weltkrieg waren es dann nur noch 11, und aus dem Jahr 1917 zeigte mir das System nur noch 6 an, einer war ein K. Kelting gefallen am 24.07.1917 Endgrablage in Langemark/Belgien. Der Vorname Carsten wurde früher auch gelegentlich mit K geschrieben, leichte Abweichungen. Aber er könnte es sein.

Als nächstes fragte ich „Google“ nach Moreslede, der zeigte mir Mooreslede in Belgien an, das war ein Ortsteil von Zonnebeke und eine Nachbargemeinde von Langemark. Somit war auch das geklärt.

Seit einigen Jahren sind die Verlustlisten (VL) vom ersten Weltkrieg im Internet frei zugänglich, dort stehen alle Soldaten, entweder alphabetisch oder nach ihren Einheiten geordnet, jeder der verwundet wurde, ob leicht oder schwer, alle Vermissten und Gefallenen. Dort steht in der VL Nr. 914 vom 18. August 1917 auf Seite 20133 : Kelting, Karsten, Gefr., 29.11.96 Joldelund, Husum, gefallen. Auf der vorhergehenden Seite 20132 steht: Hantsch, Georg, Ltn. d. L., 5.3.88 Dresden-Striesen, gefallen.

Nach weiterer Suche im Internet fand ich den Historiker Jan Vancoillie aus der Nähe von Menen in Flandern-Belgien, er teilte mir Folgendes über Kelting mit: Die Einheit (2. Kompanie des Grenadier Regiment Nr. 89) in der Kelting diente, den Todesort (Zonnebeke) und das Sterbedatum (24.07.1917). Außerdem konnte er mir sagen das Kelting auf dem Ehrenfriedhof hinter dem Gemeindefriedhof in Mooreslede 1917 beerdigt worden war. Zusätzlich sendete er mir Auszüge aus der Regimentsgeschichte von Gren. Rgt. 89 mit. Zum Abschluss seines Briefes schrieb er noch, „ wir können uns gerne einmal treffen, falls Sie mal in Flandern sind“. Da er perfekt Deutsch sprach, war das eine gute Gelegenheit eine deutschsprachige Führung von einem Fachmann vor Ort und damit weitere Informationen zu erhalten.

Der „Regimentsgeschichte des Großherzoglich Mecklenburgischen Grenadier Regiments Nr.89“, konnte ich auf Seite 324 Folgendes entnehmen:

Am Nachmittag des 24. Juli 1917 griff der Gegner nach Trommelfeuer die Südhälfte des Abschnitts Verlorenhoek und die Nordhälfte des Abschnitts Bellewaarde - hier waren 4. und 2. Kompanie in vorderster Linie eingesetzt - mit starken Abteilungen (über 200 Mann) an. Während der größte Teil der Angreifer, von dem vereinigten Abwehrfeuer gefasst, vor unseren Hindernissen unter blutigen Verlusten umkehren musste, gelang es einigen Trupps, in unsere Gräben einzudringen. Kraftvolle Gegenstöße der rückwärtigen Teile der 4. und 2. Kompanie warfen sie wieder hinaus. Leutnant der Landwehr Hantsch und ein Grenadier fielen beim Gegenstoß, 10 Grenadiere wurden verwundet. Den Kampfbataillonen sprach die Division ihre vollste Anerkennung aus. „Als gestern, am 24. Juli nachmittags,“ so lautete der entsprechende Befehl, „endlich einmal die feindliche Infanterie aus ihren Gräben herauskam, da haben die Kampfbataillone des Grenadier-Regiments 89 und des Füsilier-Regiments 90 gezeigt, dass der Feind sein Ziel noch nicht erreicht hat, dass es ihm noch nicht gelungen ist, mit seinem tagelangen, mörderischen Artilleriefeuer den festen Kampfeswillen und den frischen Angriffsgeist unserer Infanterie zu lähmen. Wo der Feind nicht schon vor unseren Hindernissen durch wohl gezieltes Gewehr- u. Maschinengewehrfeuer zur Rückkehr in seine Gräben gezwungen wurde, wo es ihm gelang, in unsere Gräben einzudringen, da haben ihn die Kampfbataillone in schnellem Gegenstoß wieder herausgeworfen. Der Feind ließ vor der Front des Füsilier Regiments viele Tote und in den Händen der 2. Kompanie Grenadier- Regiments 89, drei Gefangene zurück.

Somit nehme ich an, dass der Grenadier der dort erwähnt wird der Gefreite Kelting war. Die Gefallenen und Verwundeten wurden ins Dorf Mooreslede gebracht, dort war auch der Sammelpunkt/Ruheraum der Einheiten, die zwischen Zonnebeke und Ypern in Kampfstellung lagen.

Eine weitere gute Hilfe fand ich in dem Memorial Museum Passchendaele in Zonnebeke. Nach Anfrage erhielt ich dort eine genaue Zeichnung von dem Gebiet, in dem Kelting am 24.07.1917 gefallen ist. Eine nette Mitarbeiterin vom Wissenszentrum des Passchendaele Archivs war sehr daran interessiert, ein Foto von dem Soldaten Kelting und etwas Schriftliches über ihn zu erhalten. Sie fragte mich, ob ich bereit wäre dieses in der offiziellen Werbebroschüre für das 100jährige Jubiläum der dritten Flandern-Schlacht zur Verfügung zu stellen. Dieses Heft fand ich bei meinem Besuch am 19. Oktober 2016 vor. Es war erst einige Tage zuvor aus dem Druck gekommen.

Um endlich etwas Sicheres zu erfahren, musste ich beim Standesamt nach dem Totenschein fragen. Früher gab es ein Standesamt in Joldelund, mittlerweile sind diese Unterlagen in Bredstedt zu finden. Dort bestellte ich einen Auszug vom Totenschein des Carsten Peter Kelting. Als ich ihn in Händen hielt (Bild links), wurde mir bestätigt, dass er beim Gren. Rgt. 89, in der 2. Komp. war, er wurde als Gefreiter benannt mit vollem Namen Carsten (mit C) Peter Kelting, als Berufsbezeichnung Knecht. Weitere Angaben: 20 Jahre alt, evangelisch, wohnhaft in Goldebek, geboren in Joldelund, ledig, und auch seine Eltern wurden mit Namen genannt. Als Todesort wurde Zonnebeke in Flandern mit dem Todesdatum vom 24.07.1917 und als Uhrzeit Nachmittag um zwei ein Viertel genannt. Alles wurde sauber und gewissenhaft zu Papier gebracht, wie die preußische Verwaltung nun einmal war. Damit war so Einiges sicher bestimmt.


Die 3. Flandernschlacht vom 31. Juli bis 10. November 1917

Zwei Jahre vor der dritten Flandern-Schlacht, war es dort sehr ruhig, die Deutschen nutzten die Zeit, um hinter der Frontlinie einen fünffachen Verteidigungsring zu bauen, woran sich die Briten und ihre Verbündeten im wahrsten Sinne des Wortes tot liefen. Diese dritte Flandernschlacht begann mit der Einleitungsschlacht am Morgen des 21. Mai 1917, die Briten schossen mit 2000 Geschützen ununterbrochen 17 Tage lang auf die deutsche Stellung bei dem Wytschaetebogen. Am 7. Juni morgens um 03:10 Uhr, in der sogenannten „Schlacht von Messines“, wurden 19 Minen gesprengt, es gab 9'000 deutsche Verlustmeldungen. Die eigentliche Offensive begann am 31.07.1917 morgens um 03:50 Uhr, nachdem vorher schon tagelang Artilleriebeschuss stattgefunden hatte. Beendet wurde diese britische Offensive, die 100 Tage dauerte, am 10.11.1917 nachdem das Dorf Passchendaele von den Kanadiern eingenommen worden war. Die Verluste von 325'000 bei den Alliierten und 260'000 bei den Deutschen waren ein hoher Preis, es sind die Verwundeten, Vermissten und die Gefallenen dieser dritten Flandernschlacht. Insgesamt verloren 450'000 junge Männer ihr Leben für eine Verschiebung der Front von nur 8 km. In der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 wurde fast das ganze Gelände wieder an die Deutschen abgegeben. Ganz besonders die Kämpfe um das Dorf Passchendaele stehen für die Sinnlosigkeit dieses Krieges!

Flandern

Da wir in den Herbstferien einen Urlaub an der niederländische Grenze gebucht hatten, war das für mich die Gelegenheit, von dort noch einmal 450 km dranzuhängen und mir Flandern einmal selber anzuschauen. Am 18. Oktober 2016 ging es los, insgesamt 4 Tage wurden mir von meiner Familie „bewilligt“. Nachdem ich über Moorslede nach Zonnebeke fuhr war meine erste Station der deutsche Soldatenfriedhof in Langemark, noch bevor ich mein Zimmer in Zonnebeke bezog. Dort war richtig was los, 3 Busse und einige PKWs sind in der Zeit, in der ich dort war, angekommen. Sehr viele englischsprachige junge Menschen, die auf Klassenfahrt waren. Jeder englische Schüler fährt mindestens einmal in seiner Schulzeit auf Klassenfahrt an die Westfront des ersten Weltkrieges, das ist im Lehrplan so vorgesehen. Auf deutscher Seite wird nicht viel über diesen verlorenen Krieg geredet. Gewundert hat mich, dass sehr viele Briten Erinnerungsblumen, sogenannte Poppies, an Holzkreuze gepinnt oder als Blumengestecke, auch für ihre damaligen Feinde niederlegten, um auch sie zu ehren, denn auch die Deutschen hatten ja, genau wie sie selbst, nur im guten Glauben für ihr Land gekämpft. Für uns aus Deutschland ist das befremdlich, da doch bei uns fast kein Wissen über diesen verlorenen Krieg vorhanden ist. Obwohl jede Nation (B, D, F, GB) ihre eigene Erinnerungsblume hat, ist die rote Klatschmohnblume der Briten weltweit bekannt, aber auch die Deutschen haben ihr blaues „Vergiss-mein-nicht“, um damit öffentlich nach außen zu zeigen, dass die Opfer noch nicht ganz vergessen sind. Die Kultur, gefallene Soldaten zu ehren hat sich in Deutschland nach dem zweiten noch viel schlimmeren Krieg nicht so entwickelt wie bei den Siegern der Kriege. Nach kurzer Suche stand ich dann wirklich an dem Grab von K. Kelting (Block: B, Grab 13988) (Bild unten) und ein Stück weiter lag das Grab des Leutnants d. L. Hantsch (Block: B, Grab 14196) beide liegen dort in Einzelgräbern:


Beim Verlassen des Soldatenfriedhofs entdeckte ich beim Einsteigen ins Auto einen Granatsplitter, ca. 20 cm lang und 5 cm breit, er lag zwischen Parkplatz und frisch gepflügten Acker. Die Bauern finden auch heute noch viele Eisenteile aus der Kriegszeit, die sie einfach irgendwo außerhalb ihres Feldes hinwerfen um ihre Äcker sauber zu halten. Dieses Relikt des ersten Weltkrieges jedenfalls, begleitete mich die nächsten Tage in meinem Auto.

Am zweiten Tag besuchte ich das Memorial Museum Passchendaele (MMP) in Zoonebeke. Unter Anderem gab es dort unterirdische Laufgänge mit vielen verschiedenen Buchten, in denen gewisse Themen dargestellt wurden, z. B. wie die Soldaten dort unten lebten, wie die Offiziere ihre Verwaltungsbüros dort eingerichtet hatten und auch wie ein Krankenhaus unter solchen Kriegsbedingungen aufgebaut war. Als Zugabe wurde das schummrige Licht je nach Lautstärke der Bombengeräusche heller und dunkler, man hatte den Eindruck, dass oben Granaten explodierten. Wer einmal durch so einen Tunnelgang gelaufen ist, hat eine leichte Vorstellung von dem was es wohl bedeuten konnte, teilweise bis zu einer Woche lang unter der Erde zu vegetieren, weil oben kein Überleben möglich war. Am Nachmittag habe ich den „Tyne Cot“ Friedhof in Zonnebeke (Bild 6), die größte Kriegsgräberstätte vom Commonwealth War Graves Cemetery (CGWC), die sich um die englischen und die mit ihnen im Commonwealth verbundenen Länder (wie damals noch Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika, Irland und Indien) kümmert, besucht:


Dort sind 11'856 Gefallene, die in der Zeit von Oktober 1917 bis September 1918 in der Gegend um Passchendaele und Langemark gefallen sind, darunter auch vier Deutsche. 70% sind unbekannt, auf ihren Grabsteinen steht unten „Know unto God“, (nur Gott bekannt). Außerdem ist dort eine 150 m lange Ehrenwand mit 34'855 Namen von Vermissten des Commonwealth, die keine Gräber haben, von denen nie wieder etwas identifiziert werden konnte. Jedes Jahr besuchen ca. 180'000 Menschen diese Anlage.

Am dritten Tag traf ich mich mit Jan Vancoillie bei der Kirche in Zonnebeke. Als Erstes zeigte er mir die Stelle an der das Gren. Rgt. 89 am 24.07.1917 den Angriff der Engländer abwehrte:


Alles war mit Hinweisschildern und Beschreibungen sehr verständlich ausgearbeitet. Unser nächstes Ziel war das Dorf Mooreslede, dort war Carsten Peter Kelting nach seinem Tod beerdigt worden und verblieb dort auch bis etwa 1955-58. in diesem Zeitraum wurden alle verstreuten Grabstätten der Deutschen in Flandern auf vier Kriegsgräberstätten zusammengefasst: Langemark, Menen, Hoogelede und Vladslo. Und so kam es auch, dass Kelting von Moorslede nach Langemark umgebettet wurde. Der Friedhof hinter dem Zivilfriedhof, auf dem er vorher geruht hatte, ist heute noch in Betrieb, es liegt nur noch ein deutscher Soldat in seiner, von seiner Familie gekauften, Grabstätte die ein ewiges Ruherecht besitzt. Nachdem Jan mir vieles gezeigt und auch erklärt hatte, besuchten wir noch zum Schluss die Kriegsgräberstätte in Menen. Am Nachmittag fuhr ich nach Ypern wo es kein Gebäude gibt, das schon mehr als 100 Jahre alt ist. Nach dem Ende des Krieges wurde Vieles wieder originalgetreu aufgebaut, was auch sehr gelungen ist. In der großen Tuchhalle befindet sich das „In Flanders-Fields Museum“, welches einen guten Überblick über den gesamten ersten Weltkrieg bietet. Am Menen-Tor in Ypern wird abends um Punkt 20:00 Uhr seit 1928 täglich, nur durch die zweite Besatzung durch Deutsche im zweiten Weltkrieg für einige Jahre unterbrochen, eine Totenehrung für die 55'000 dort vor den Toren Yperns Vermissten, deren Gräber nie gefunden wurden, abgehalten. Inkl. eines Trompeten-Solos, was man als „Last Post“ (Totensignal) bezeichnet, vergleichbar mit dem deutschen „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Mit Reden und Kranzniederlegung dauert die Sperrung dieser Straße die durch das Menen-Tor führt ca. 20-30 Minuten. An dem Abend, als ich dort war, regnete es in Strömen. Trotzdem waren schätze ich ca. 400 - 500 überwiegend englisch sprechende Menschen dort, darunter sehr viele Kinder und Jugendliche. Jeden Morgen beim Frühstück entschuldigte sich mein Pensionswirt für das schlechte Wetter des Vortages, als Antwort gab ich ihm immer nur, dass ich aus Nordfriesland stamme und solch ein Wetter gewohnt bin.

Das ganze damalige Kampfgebiet ist heute ein großes Erinnerungsgebiet mit vielen Friedhöfen sämtlicher beteiligter Länder und ihren dazugehörigen Ehrenmalen bzw. Mahnmalen des ersten Weltkrieges. Es gibt sehr viele und gute Museen und auch Vieles, was noch aus der Zeit von 1914-18 im Original erhalten geblieben ist, wie Laufgräben, Minenkrater und auch so einige Beton-Bunker der deutschen Stellungen. Auch fast 100 Jahre nach dem großen Morden werden in der Erntezeit noch Munitionsreste, teilweise scharfe Munition und sogar Giftgas-Granaten gefunden, die auch heute noch Menschenleben vernichten könnten, und es auch leider gelegentlich tun. Die Landwirte, überwiegend Gemüsebauern, sammeln diese Relikte des „Großen Krieges“ und legen sie an vereinbarten Stellen ab, von dort wird alles von geschulten staatlichen Angestellten abgeholt und der Vernichtung zugeführt oder noch vor Ort gesprengt. Ein Granatsplitter aber machte zusammen mit mir die Rückreise nach Sollwitt und wird mich noch sehr lange an diese Reise nach Flandern erinnern.

Rede von Jean-Claude Juncker im Deutschen Bundestag zum Volkstrauertag am 16. November 2008:

„Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen! Nirgendwo besser, nirgendwo eindringlicher, nirgendwo bewegender ist zu spüren, was das europäische Gegeneinander an Schlimmstem bewirken kann. Das Nicht-Zusammenleben-Wollen und das Nicht-Zusammenleben-Können haben im 20. Jahrhundert 80 Millionen Menschen das Leben gekostet. Jede Stunde des Zweiten Weltkrieges hat 1'045 Tote gebracht."

Die anderen acht Cousins von meinem Opa Jens Peter Schütt. Keiner wurde 30 Jahre alt, keiner war verheiratet, keiner war Vater. Alle waren Söhne!


Theodor Thomsen, *20.10.1898 Boxlund, vermisst 27.09.1918 Frankreich, 19 Jahre alt.

Nikolaus Schütt, *30.6.1913 Jörl, vermisst 3.02.1943 Ukraine, 29 Jahre alt.

Carsten Thomsen, *22.12.1913 Boxlund, vermisst 17.07.1943 Russland, 19 Jahre alt.

Jens Lorenzen, *19.1.1920 Paulsgabe, gefallen 20.07.1943 Russland, 23 Jahre alt.

Karl Schütt, *28.06.1924 Jörl, gefallen 20.01.1944 Russland, 19 Jahre alt.

Thomas Thomsen, *21.02.1918 Boxlund, gefallen 7.03.1944 Estland, 26 Jahre alt.

Jens Peter Schütt, *22.10.1920 Stieglund, vermisst am 31.08.1944 Rumänien, 23 Jahre alt.

Carsten Heinrich Kahlund, *3.03.1922 Stieglund, vermisst 15.02.1945 Polen, 22 Jahre alt.

Sieben von ihnen starben im zweiten Weltkrieg in den Jahren 1943-45, als die Zeit der Blitzsiege vorbei war, und es nur noch rückwärts ging. Verlierer waren aber alle, die in diesem Krieg aktiv gekämpft hatten. Selbst wer es überlebte, war geprägt bis ans Lebensende von seinen Erlebnissen.

Die drei Thomsen- Brüder sind mit ihren Namen auf dem Mahnmal bei der Kirche in Viöl zu finden, die anderen fünf Namen stehen auf den Mahnmalen bei der Kirche in Jörl eingemeißelt.

Ruht in Frieden

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